Zum Stand der Rüstung der Deutschen Marine - Marine Forum
Nach der F 125 ist das Mehrzweckkampfschiff 180 das nächste Großprojekt der Marine

Nach der F 125 ist das Mehrzweckkampfschiff 180 das nächste Großprojekt der Marine (Bild: Damen)

Zum Stand der Rüstung der Deutschen Marine

Vizeadmiral Rainer Brinkmann

Der Dichter und Schriftsteller Eugen Roth hat einmal geschrieben:

Der Mensch erhofft sich fromm und still,
dass er einst das kriegt, was er will;
bis er dann doch dem Wahn erliegt
und schließlich das will, was er kriegt.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Eugen Roth eine innere Ahnung davon hatte, wie Rüstung in den Streitkräften von heute bisweilen vonstattengeht.

Von der Frage, was die Marine denn will und was sie tatsächlich kriegt, handelt dieser Artikel.

Es liegt in der Natur der Sache, dass Rüstung in der Marine auf Langfristigkeit angelegt sein muss. Der Planungs-, Beschaffungs- und Nutzungsprozess komplexer Waffensysteme umfasst nicht Jahre, sondern Dekaden. Dass wir das ändern müssen, ist sicherlich notwendig, aber nicht Gegenstand meines Artikels. Wir müssen aber zur Kenntnis nehmen, dass Systeme, die heute noch in der Marine betrieben werden, teilweise in den Siebzigerjahren konzipiert, entworfen und beschafft worden sind. Wir tun also gut daran, weit vorauszuschauen, keinen kurzfristigen Moden zu folgen, die gerade en vogue sind, und den operativen Bedarf verlässlich und zukunftssicher abzuleiten.

Rüstung im Rückblick

Gerade was diese Ableitung operativer Bedarfe angeht, weisen die letzten 30 Jahre signifikante, aber durchaus erklärbare Brüche auf. Während es in Zeiten des Ost-West-Antagonismus noch vergleichsweise einfach war, ein bedrohungsgerechtes, der Operationsplanung des Bündnisses entsprechendes und in die Geografie eingepasstes Kräftedispositiv zu definieren und zu rüsten, führten Wiedervereinigung und Zusammenbruch der Sowjetunion zu befristeter Ratlosigkeit. Mit einem Mal von „Freunden“ umgeben, machten Schlagworte vom ewigen Frieden und von der „Friedensdividende“ die Runde. Eine signifikante Reduzierung des Streitkräfteumfangs und schmerzhafte Eingriffe in die Finanzausstattung waren die Folge.

Als dann deutlich wurde, dass sich mit dem Verlust der Prägekraft des Ost-West-Konflikts dann ganz neue Herausforderungen weltweit Bahn brachen, rückte das internationale Krisenmanagement in den Fokus und wurde zum dominanten Faktor der Ausrichtung der Streitkräfte. Übersehen wurde, dass der russische Bär nach wie vor ein Raubtier ist und in seiner Höhle eingedenk des ihn umgebenden Cordon sanitaire nicht gereizt werden will. Erst als Putin ehemals überlassene Geschenke wieder mit militärischen Mitteln zurückholte, wurde uns bewusst, dass auch Europa nicht immun für etwaige militärische Auseinandersetzungen ist. Die Renaissance der Landes- und Bündnisverteidigung als zweiter Säule der konzeptionellen Ausrichtung neben dem internationalen Krisenmanagement war eingeleitet.

Der konzeptionelle und sicherheitspolitische Rahmen

Folgen wir damit aber wieder einmal mehr einer vorübergehenden Erscheinung?

Ich denke nicht, und wir tun gut daran, uns einige wenige Eckpunkte und Rahmenbedingungen zu vergegenwärtigen, die für unsere sicherheitspolitische Verortung und damit auch für unsere rüstungsplanerische Ausrichtung von Relevanz sind:

  1. Die territoriale Integrität ist Teil unserer Staatsraison. Nur sie gewährleistet, dass sich Staatswesen und Bürger in Frieden und Freiheit entfalten können. Diese Feststellung rückt die Landes- und Bündnisverteidigung in den Fokus.
  2. Unsere geografische Lage ist unveränderbar. Den für uns sehr spezifischen geografischen Bedingungen müssen wir mehr als andere Rechnung tragen. Wir müssen die Fähigkeit zu Blue-Water-Operationen ebenso vorhalten wie für Brown-Water-Operationen.
  3. Aus den globalen wirtschaftlichen Verflechtungen und unserer Anfälligkeit bei Störungen einer regelbasierten Ordnung erwächst die unabweisbare Notwendigkeit, zum internationalen Krisenmanagement beizutragen. Der weltweite Einsatz unserer Streitkräfte muss planerisch ins Kalkül gezogen werden, wollen wir uns davor feien, dass Krisen von der Peripherie ins Zentrum Europas zurückschlagen. Für solche Einsätze ist die Marine dank ihres breitgefächerten Instrumentariums, der im maritimen Raum geltenden Rechtsregime und der Befähigung, langdauernde Operationen durchzuführen, prädestiniert.
  4. Die Herausforderungen im maritimen Raum wachsen. Galt in der Vergangenheit unser Augenmerk vor allem dem Schutz von Seeverbindungswegen, weil unser wirtschaftlicher Erfolg vornehmlich auf dem über See abgewickelten Außenhandel basiert, so rücken in jüngster Vergangenheit ganz neue Konfliktpotenziale in den Vordergrund: die Proliferation von Waffen in Krisengebiete, wie wir es im Mittelmeer beobachten (Operationen Irini und Unifil), die zunehmenden Auseinandersetzungen um Ressourcen und Rohstoffe des maritimen Raumes, beispielhaft manifestiert in den Spannungen zwischen der Türkei und Griechenland, und schließlich der Bedeutungszuwachs der hohen See als Fluchtroute, um dem eigenen Elend zu entfliehen und in eine neue Zukunft aufzubrechen (Ägäis, Mittelmeer).
  5. Wir finden in der Wertegemeinschaft des Westens Sicherheit und Solidarität. Solidarität aber ist keine Einbahnstraße: Ebenso, wie wir erwarten dürfen, dass sich unsere Partner unserer Interessen annehmen, müssen wir zu solidarischer Unterstützung auch dann bereit sein, wenn wir vielleicht kein originäres oder primäres Interesse an Initiativen unserer Partner haben. Bündnisfähigkeit setzt aber ein breitgefächertes Portfolio voraus; wir müssen befähigt sein, zu allen Spielarten moderner Seekriegführung beizutragen, wir benötigen Seekriegsmittel, die es uns erlauben, auf, unter, über und vom Wasser aus zu operieren.
  6. Die Zeit ist schnelllebig. Damit wir nicht immer einer Zukunft nachjagen, die andere vielleicht schon für sich gewonnen haben, müssen wir besser als bisher befähigt sein, technologische Trends zu adaptieren und in unsere (Rüstungs-)Planung, aber auch in den Betrieb zu integrieren. Das fängt beim Maritime Cyber Warfare, der Drohnentechnologie und dem „Informationsraum Unterwasser“ an und reicht bis zu Tele-Maintenance, Modularität, bedienerfreundlichen Bedienpanels und Möglichkeiten, die sich aus Künstlicher Intelligenz und Augmented und Virtual Reality ableiten.

Blickt man auf unsere gegenwärtige Flotte, wird schnell deutlich, dass ein immenser Nachholbedarf besteht, um uns zukunftsfähig zu machen. Es bedarf sowohl einer numerischen Aufstockung und qualitativen Restaurierung der Flotte als auch der partiellen Erweiterung des Fähigkeitsdispositivs. Dass korrespondierend zu dieser Modernisierung auch Konzepte, Verfahren, Strukturen und manch liebgewonnene Gewohnheiten und Ansichten angepasst werden müssen, liegt auf der Hand.

Zum Stand ausgewählter Rüstungsprojekte

Die nachfolgenden Ausführungen zu ausgewählten Rüstungsprojekte zielen darauf, den eingeschlagenen Weg zur Modernisierung unserer Flotte zu illustrieren.

Sichtbarster Markstein der Erneuerung ist der Zulauf der Fregatte Klasse 125, die vor allem auf die operativen Erfordernisse des IKM zugeschnitten ist: Die taktische Feuerunterstützung von See an Land, Wirkmöglichkeiten gegen asymmetrische Bedrohungen auf See, die Unterstützung von Einsätzen spezialisierter Kräfte und eine markante Führungsfähigkeit sind Charakteristika des Designs dieser Schiffe. Zwei Einheiten sind bereits in Dienst gestellt, im kommenden Jahr werden die beiden anderen zulaufen.

Diese Fregatten bedeuten im Übrigen einen betrieblichen und konzeptionellen Quantensprung. Die Einheiten sind technisch so ausgelegt, dass sie bis zu zwei Jahre in See stehen können. Das ist möglich, weil wir gleichzeitig ein Mehrbesatzungsmodell realisieren, das uns die Möglichkeit bietet, die Besatzungen planmäßig auszutauschen. Dieses Modell erfordert wiederum ein standortzugehöriges Einsatz- und Ausbildungszentrum, an dem die Besatzungen in der Heimat auf den Einsatz vorbereitet werden. Im Ergebnis bedeutet dieser Ansatz, dass wir mit weniger Schiffen mehr Einsatz und operative Verfügbarkeit produzieren und dass die Seefahrt dennoch attraktiver wird, da sie dann für die Besatzungen planbar ist.

Noch ist eine gehörige Strecke bis zur vollumfänglichen Einsatzreife des Gesamtsystems zu gehen, was vor allem daran liegt, dass die Realisierung des Einsatzausbildungszentrums nicht mit dem Zulauf der Schiffe Schritt hält. Das wiederum hat Einfluss auch auf die Zeitlinie der Aufstellung der insgesamt acht Besatzungen.

Größer und leistungsfähiger sollen die Nachfolger der aktuellen Klasse U 212A werden. (Bild: Bundeswehr/Björn Wilke)

Auf einem sehr guten Weg befindet sich die Ergänzungsbeschaffung von fünf weiteren Korvetten Klasse 130, die uns seitens der Politik zugestanden wurden. Mit diesem zweiten Los erhöhen wir die Zahl moderner, kampfstarker Überwassereinheiten, die sowohl im küstennahen als auch – mit Einschränkungen – im ozeanischen Raum operieren können. Die Marine hat sich seinerzeit bewusst für eine Ergänzungsbeschaffung und keine Neuentwicklung entschieden, um sich die Synergien etwa in den Bereichen der Ausbildung, der Versorgung und des Betriebes nutzbar zu machen.
Die Korvetten werden mit KÖLN, EMDEN, KARLSRUHE, AUGSBURG und LÜBECK traditionsreiche Namen der Deutschen Marine tragen und damit auch die Verankerung der Marine in der Gesellschaft unterstreichen. Die Einheiten werden im 1. Korvettengeschwader in Warnemünde mit dann insgesamt zehn Einheiten stationiert. Die operative Verfügbarkeit der KÖLN als erste Einheit des zweiten Loses wird für 2023 erwartet. Bis 2026 sollen dann alle Einheiten für den Einsatzbetrieb der Flotte bereitstehen.

Da die Korvetten des ersten Loses bereits Obsoleszenzen an diversen Anlagen aufweisen, wird gegenwärtig geprüft, ob nicht der bruchfreie Bau eines dritten Loses als Ersatz für das erste Los eine sinnvolle Lösung wäre. Auch industriepolitisch hätte eine solche Lösung Charme, da damit eine verlässliche Planung und kontinuierliche Auslastung gewährleistet wäre.

Mit der Außerdienststellung der Fregatten Klasse 122 (LÜBECK verbleibt noch bis 2022 im Dienst) verliert die Deutsche Marine auch Fähigkeiten im Bereich der U-Boot-Jagd. Die Last des Fähigkeitserhalts ruht jetzt auf den Fregatten Klasse 123, die nach Vorstellungen der Marine trotz der bereits unternommenen Fähigkeitsanpassungen eine umfangreiche Modernisierung in den Bereichen Sensorik, Flugkörperbewaffnung, Selbstschutz und Eloka erfahren sollen. Auch die Einrüstung eines Towed-Array-Systems zur Unterwasserortung ist vorgesehen. Selbst wenn die Fregatte mit der Außerdienststellung des Sea Lynx Mk 88A ihren organischen Hubschrauber verliert (das Nachfolgemuster kann aus Platzgründen nicht dauerhaft eingeschifft werden), wird sie doch zu einer sehr durchsetzungsstarken Einheit mit besonderen Fähigkeiten in der U-Jagd aufgerüstet.

Im Konzert unserer Kampfschiffe werden die Mehrzweckkampfschiffe Klasse 180 einen besonderen Glanzpunkt setzen. Dieses Schiff wird in einer Stückzahl von zunächst vier, optional sechs Einheiten für den weltweiten Einsatz im gesamten Intensitätsspektrum realisiert werden. Auch sie werden zur weitreichenden U-Boot-Jagd mittels eines Schleppsonars befähigt. Mit der intensiven Nutzbarkeit der Schiffe, signifikant reduzierter Besatzungsstärke gegenüber in Dienst befindlichen Einheiten und dem Mehrbesatzungsmodell setzt das Projekt auf den bestehenden Konzepten der Fregatte Klasse 125 auf. Der Vertrag wurde im Juni 2020 geschlossen. Mit einer operativen Einsatzfähigkeit dieses Kampfschiffs ist zum Ende der Dekade zu rechnen.

Versorger und Boote

Unsere verlässlichen, aber veralteten Tanker SPESSART und RHÖN sollen zeitnah ersetzt werden. Die Betriebsstoffversorger neuer Konvenienz werden mehr können als die herkömmlichen. Eine größere Versorgungskapazität, eine bessere Betriebssicherheit, eine größere Geschwindigkeit, ein Hubschrauberlandedeck und zusätzliche Einschiffungsmöglichkeiten für Personal bezeichnen schlagwortartig einige Unterschiede. Der Zulauf des ersten Schiffes wird im Jahr 2024 erwartet, das zweite Schiff ein Jahr später.

Für die Erneuerung im Unterwasserbereich mag das Projekt U 212CD (Common Design) gelten. Im Rahmen einer umfänglichen Kooperation mit Norwegen ist die Beschaffung von zwei zusätzlichen U-Booten beabsichtigt, die von Größe, Seeausdauer und Fähigkeiten unsere U-212er deutlich übertreffen. Die Fähigkeitsforderungen an das Boot sind zwischen Norwegen und Deutschland weitgehend abgestimmt. Die Deutsche Marine erwartet den Zulauf der beiden Boote ab etwa 2027. Die umfängliche Kooperation mit Norwegen erschöpft sich nicht in der gemeinsamen Beschaffung, sie umfasst auch den Betrieb, die Logistik und die Ausbildung. Im Übrigen werden die „alten“ U-212er im Rahmen eines Refit-Programms in den nächsten Jahren wieder auf den neuesten Stand der Technik gebracht.

Gemessen an dem Anspruch, zur mehrdimensionalen Seekriegführung befähigt zu sein, fehlt allerdings noch der Teil, der sich auf das Operieren von See an Land bezieht. Auch hier tut sich etwas.

Aus den verschiedenen Initiativen zur Verbesserung der taktischen Beweglichkeit auf dem Wasser sei exemplarisch die beabsichtigte Beschaffung von marktverfügbaren Einsatzbooten erwähnt, wie sie uns für unsere grüne Marine vorschwebt. Wir haben nach einer Marktsichtung gegenwärtig das schwedische Combat Boat 90 (CB 90) ins Visier genommen. Es wird in den nächsten Wochen auf seine Eignung für unsere Bedarfe hin von Truppe und WTD geprüft. Dieser Bootstyp soll uns beispielsweise befähigen, die Harbour Protection und Küstenvorfeldüberwachung zu verbessern, die Verbringung von Einsatzgruppen an Land über größere Distanzen zu ermöglichen, Evakuierungen über See vorzunehmen, zusammen mit den Niederlanden amphibische Teilfähigkeiten bereitzustellen und den Seeverkehr zu kontrollieren. Sofern sich das Boot als tauglich herausstellt, steht einer zeitnahen Beschaffung nichts im Wege.

Luftfahrzeuge

Zu unseren Überwassereinheiten gehört natürlich zwingend auch eine luftgestützte Komponente.

Die veralteten Mk 41 Sea King, die 2023 ihr Nutzungsdauerende erreichen, werden durch achtzehn NH90 NTH Sea Lion ersetzt. Der NH90 NTH als Marinetransporthubschrauber wird als Bordhubschrauber für den Einsatzgruppenversorger und als Mittel für den Such- und Rettungsdienst genutzt werden. Die Auslieferung der ersten Hubschrauber an die Bundeswehr hat im Oktober 2019 in der „Step-1-Konfiguration“ begonnen. Die Marine hat den Flugbetrieb im Juni 2020 aufgenommen. Die finale Konfiguration Step 2 wird ab Ende 2021 ausgeliefert; im Juni 2022 soll der Bestand der Marine aufgefüllt sein.

Seit einigen Monaten fliegt der NH90 für die Marine. (Bild: HelispotterMV)

Der seit 1981 betriebene Bordhubschrauber (BHS) Sea Lynx Mk 88A, als ein wesentlicher Effektor und Sensor der Fregatten, wird im Jahr 2025 sein Nutzungsdauerende erreichen. Die Nachfolge des Sea Lynx Mk 88A wird über das Projekt „organische, fliegende Komponente Systemverbund Kampfschiff“ realisiert. Dieses Projekt beinhaltet sowohl bemannte Anteile (BHS) als auch unbemannte Anteile (UAS). In einem ersten Schritt soll die Realisierung des bemannten Anteils in einer geplanten Stückzahl von dreißig Luftfahrzeugen erfolgen. Aufbauend auf dem NH90 NTH Sea Lion wurde der NH90 NFH Sea Tiger als „Mehrrollenfähiger Fregattenhubschrauber“ (MRFH) als das zu beschaffende Luftfahrzeugmuster ausgewählt. Gegenüber der Transportversion NH90 NTH Sea Lion wird der MRFH unter anderem zusätzlich über eine Sonaranlage und Waffenstationen für Torpedos und Flugkörper verfügen. Es ist geplant, den Sea Tiger in die Fregatten der Klassen F 124, F 125 und MKS 180 zu integrieren. Im sogenannten Systemverbund Kampfschiff ist dieser BHS eine essenzielle Komponente für die Anti-Submarine Warfare und Anti-Surface Warfare. Bi- und multistatische U-Jagd wird durch den Einsatz des BHS optimiert. Darüber hinaus ergänzt beziehungsweise steigert der Bordhubschrauber die Fähigkeiten der Fregatten durch Aufklärung sowie Lagebild- und Zieldatenübermittlung, Waffeneinsatz, Wirkungskontrolle und taktischen Lufttransport bei Boarding- und Evakuierungsoperationen.

Sea Falcon bei der Erprobung (Bild: Bundeswehr/Marcel Kröncke)

Mit dem Sea Falcon (Projektname VorMUAS – Vordringliches Marine Unmanned Aircraft) macht die Marine den ersten Schritt in die bordgebundene Fliegerei mit unbemannten Systemen. Als erste Einheit bekommt die Korvette BRAUNSCHWEIG ein unbemanntes fliegendes System (UAS) vom Typ Skeldar V-200. Mit Hilfe dieses Drehflügel-UAS wird der Aufklärungs- und Wirkhorizont erheblich erweitert werden. Die bislang durchgeführten Borderprobungen sind sehr vielversprechend verlaufen. Noch verbinden sich (lösbare) Fragen der luftfahrtrechtlichen Zulassung mit dem System. Dennoch wird das Projekt wertvolle Erkenntnisse für alle Folgesysteme in operationeller aber auch betrieblicher Hinsicht bringen.

Die Entscheidung zugunsten eines Drehflügel-UAS wurde aufgrund der potenziell größeren Nutzlastkapazität getroffen. Optische und elektronische Sensoren können gegebenenfalls parallel realisiert werden. Der Sea Falcon ist nicht bewaffnungsfähig und auch für das Folgesystem ist dies nicht geplant.
Auch unsere Seefernaufklärer P-3C Orion sind in die Jahre gekommen. Die ursprünglich beabsichtigte Modernisierung durch neue Tragflächen und eine neue Avionik ist aufgrund von Komplexität, Kosten und zeitlichem Aufwand storniert worden, um zu prüfen, ob sich nicht andere Lösungen wie beispielsweise Leasing oder Kauf marktverfügbarer Alternativen anbieten. Unstrittig ist, dass die von dem Seefernaufklärer abgebildeten vielseitigen Fähigkeiten in ASUW und ASW unerlässlich sind. Eine Entscheidung ist dringlich, da aufgrund von zunehmenden Obsoleszenzen die Nutzbarkeit der P-3C Orion endlich ist.

Zusammenfassung, offene Punkte und Appell

Mit diesem Potpourri aus ausgewählten Rüstungsvorhaben soll es sein Bewenden haben. Vorsorglich weise ich aber darauf hin, dass viele andere Rüstungsvorhaben planerisch bereits angestoßen sind. Dazu zählt die Regeneration der Flottendienstboote, der Minenabwehreinheiten, der Tender und der Schlepper, dazu zählt aber auch die sukzessive Aufstockung der Munitions-, FK- und Torpedobestände.

Man mag angesichts der ins Haus stehenden Rundumerneuerung unserer Flotte in der kommenden Dekade den Eindruck haben, das Füllhorn sei über uns ausgeschüttet worden. Das ist in gewisser Weise auch so, allerdings zeichnen sich inzwischen schon wieder deutlich die Grenzen der finanziellen Ausstattung ab. In Anbetracht der Abnutzung und des Alters der Flotte ist der angestoßene Modernisierungsprozess allerdings dringend notwendig.
Für den Optimismus, dass die Marine einer fliederfarbenen Zukunft trotz des „Elends im Alltag“ entgegensieht, bin ich in den letzten Jahren häufig belächelt worden. Nach wie vor stehe ich aber zu meiner Feststellung. Allerdings will diese Zukunft gewonnen werden, und das verlangt ein Allemannsmanöver!

Es mag uns auch zuversichtlich stimmen, dass die Politik – so habe ich den Eindruck – erkannt hat, dass sie dem maritimen Raum mehr Augenmerk schenken muss. Eines muss allerdings auch gesagt werden: Auf dem Weg in die Zukunft werden wir es nicht erleben, dass Schiffe, fliegende Systeme und Munition früher als geplant zulaufen. Wir werden bereit sein müssen, Rückschläge und Verzögerungen zu ertragen. Aber die Aussicht auf die „Flotte der Zukunft“ mit ihrem ausgewogenen, vielseitigen Fähigkeitsspektrum, ihrer Kampfkraft und den attraktiven „Betriebsmodellen“ sollte uns den Schweiß der Edlen wert sein! Die Zukunft hat begonnen!

Bevor aber die Euphorie ganz mit mir durchgeht und ich der Fantasterei bezichtigt werde, will ich doch einige wenige Herausforderungen nicht unerwähnt lassen, die wir durchaus auch noch vor der Brust haben:

  • Wir müssen die Kommunikationsfähigkeit im internationalen Raum im Allgemeinen und die Führungsfähigkeit der Flotte im Besonderen, die sich mit Stichworten wie dem German Mission Network, der entsprechenden Umrüstung unserer Einheiten, dem Umzug von MOC und Fleet Entry Point nach Rostock verbindet, mit Verve und gegen prozessuale Zähflüssigkeit energischer voranbringen. Andernfalls ersetzen wir die Führung der Flotte absehbar durch die Ausstellung von Kaperbriefen!
  • Wir müssen uns mit dem Thema Ballistic Missile Defence bei künftigen Rüstungsvorhaben intensiv auseinandersetzen; die Bedrohung wächst ebenso wie die Erwartung unserer Partner.
  • Wir müssen das Thema Maritime Cyber Warfare umfänglich analytisch aufarbeiten, um Möglichkeiten und Grenzen in Rüstungs- und Operationsplanung einfließen zu lassen.
  • Wir müssen – gerade auch mit Blick auf unsere geografische Lage – der Drohnentechnologie noch größere Aufmerksamkeit widmen.

Liebe Leser!
Ich habe versucht, in einem vergleichsweise kleinen Artikel eine große Zukunft zu umreißen. Wie angesprochen, will diese Zukunft gewonnen werden. Das gelingt aber nur, wenn ein jeder Teil der Lösung und nicht Teil des Problems ist. Bleibt mir, einen Werbeslogan der Autobranche zu apostrophieren: Think Blue!

Autor: Vizeadmiral Rainer Brinkmann ist Stellvertreter des Inspekteurs der Marine und Befehlshaber der Flotte und Unterstützungskräfte.

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