Das Segelschulschiff Gorch Fock mit der Albatros-Galionsfigur im Hafen von Kiel bei Sonne und blauem Himmel, Foto: yourpix

Das Segelschulschiff Gorch Fock mit der Albatros-Galionsfigur im Hafen von Kiel bei Sonne und blauem Himmel, Foto: yourpix

Segelschulschiffe – so alt und so modern

Ein Moment der Unachtsamkeit und eine Welle holte mich von den müden Beinen, ich rutschte unsanft über das Holzdeck. Etwas geschockt und triefend hörte ich durch das Wasser in den Ohren, wie der Bootsmann mich im Wind anbrüllte "Alles klar? Dann sieh zu Seemann – an die Schot!"

Dort zogen wir am Tampen mit lautem Rhythmus "Hol weg". Seit Stunden ging das so. Das war keine Übung oder schikanöser Drill, sondern der Kampf mit einem Sturmtief. Was unter Deck in Wetterkunde harmlose Linien auf der Karte waren, war hier oben raue Wirklichkeit. Warum tun Menschen sich das an? Segeln als Sommervergnügen oder als olympische Disziplin versteht man ja, aber auf einem archaischen Dreimaster? Ist ein Großsegler, der nur mit vielen gut koordinierten Händen, konzentrierten Köpfen, mit viel Geschick und einer ordentlichen Portion Mut führbar ist, noch zeitgemäß? Was bringt die Befähigung, aus einem altertümlich komplexen Prinzip der Fortbewegung eine schwimmende Schule zu formen?

Ja, es ist ein Anachronismus, wo der Inbegriff des Glücks die simple Hängematte sein kann und Muskelkraft oft der Hydraulik überlegen ist. Unter Segeln gibt es kein Entrinnen, keine Einzelkabine, kein Internet und selten so etwas wie Dienstschluss. Genau deshalb schickt man hoffnungsvolle Bürgerkinder in diese permafeuchte und gelegentlich übelriechende Welt, in der blaue Flecken und blutige Hände alltäglich sind. Man mutet ihnen zu, nach Seewachen trotz Schlafmangel theoretischem Unterricht zu folgen, auch wenn manch individuelle Psyche dadurch zum Bersten gereizt wird.

Gorch Fock bei der Hanse Sail Rostock 2022

Gorch Fock bei der Hanse Sail Rostock 2022

Alle Marinen und viele Seefahrtschulen dieser Welt bringen ihrem Nachwuchs auf Segelschulschiffen bei, wie Salzwasser schmeckt, wie sich Kälte oder auch Kombüsendienst anfühlen. Auch, wie Angst durch Selbstüberwindung vergeht und wie man Mut von Übermut trennt. Es ist eine Grundausbildung zur See, ein Mosaiksplitter der Charakterbildung, ein prägender Baustein auf dem Weg zur Führungskraft. Wer das erfahren und bestanden hat, ist auf Extremsituationen eingestellt. Wer Entscheider werden will, sollte die Konsequenzen erlebt haben. Mehr muss man eigentlich nicht erklären.

Es ist stets das gleiche Konzept: der oder die Einzelne soll sich als Teil eines Ganzen begreifen lernen, ungeachtet der Biografie. Für alle ergibt sich ein elementarer Abholpunkt. Auch für die, die nicht die See als Arbeitsplatz wählen, bleibt es für immer ein Schatz, von dem man zehrt und der zum Mitreden befähigt. Mit dem Ende der Segelschiff-Ära zum Ende des vorletzten Jahrhunderts und der ausklingenden Frachtclipper-Epoche im 20. Jahrhundert verblieben die Windjammer dennoch auf allen Weltmeeren. Manchmal als exklusive Kreuzfahrer wie die Sea Cloud oder für zahlende Mitsegler die Alexander von Humboldt.

Die prominentesten Tall Ships sind die Segelschulschiffe etlicher Marinen. Es sind Argentiniens Libertad, Italiens Amerigo Vespucci, Norwegens Christian Radich oder Spaniens Juan Sebastian de Elcano. Frankreich hat mit den Schonern Belle Poule und der Étoile gleich zwei und die dänische Handelsflotte hat die Danmark. Der deutsche Bauplan der Gorch Fock-Klasse der dreißiger Jahre von Blohm+Voss ist in der Eagle der US Coast Guard, der Mircea Rumäniens und der portugiesischen Sagres wiederzufinden. Diese bei weitem nicht vollzählige Liste beweist, dass das Segeln weltweit als Fähigkeit und Lehrauftrag etabliert ist, weil mit fortschreitender Technik die Gefahr der Entfremdung vom Handwerk einhergeht. Nautik wird zunehmend digital, aber die See will mit Demut vor den Gewalten bewältigt sein. Dabei geht es nicht nur darum, beispielsweise den Ausfall eines Satelliten mit altem Navigationsbesteck zu parieren, sondern Individuen zu einem Team zu formen. Nicht das lässige Achtstundenbüro-Ensemble ist gemeint, sondern die Besatzung, die in lebensfeindlicher Umgebung bestehen kann. Jeder in diese Ausbildung investierte Cent zahlt sich später auf den Kommandobrücken viel größerer und teurerer Schiffe wieder aus, seien es U-Boote, Fregatten oder Containerfrachter.

Deshalb werden Segelschulschiffe auch als Tradition gehalten und gepflegt, wurden nicht von ungefähr weltweit wieder Neubauten aufgelegt, wie das neue Becks’ Schiff, die polnische Mir oder die indische Tarangini. Auch die chinesische Marine plant Neubauten: in Konzeption und Programm nach deutschem Vorbild. Seit Jahrzehnten besuchen diese wunderbaren Silhouetten weltweit auf das Feinste herausgeputzt fremde Häfen und repräsentieren friedlich ihr Land. Sie werden in Scharen besucht und bestaunt. Jeder Mann, jede Frau, die gestern noch knochenmüde die Schinderei in den Masten verflucht hat, ist stolz für immer ein Teil dessen zu sein – jeder und jede ein Botschafter seines Landes. Genau deshalb weisen die Außenministerien an, wohin die Reise geht und wo Staatsgäste zu empfangen sind. Es ist nicht nur das Prestige einer Marine, sondern man zieht daraus Rückschlüsse auf die Streitkräfte eines Landes und auf die Nation selbst. Großsegler machen Eindruck. Das ist kein Selbstzweck.

Der Beitrag ist Januar 2019 in „Europäische Sicherheit & Technik“ erschienen.

Technische Daten des deutschen Segelschulschiffs Gorch Fock 

Name: Gorch Fock II: Schwesterschiff der im Jahr 1933 gebauten ersten Gorch Fock
Namensgebung: Benannt nach dem Schriftsteller Gorch Fock (Johann Wilhelm Kinau)
Indienststellung: 1958
Heimathafen: Kiel
Liegeplatz: Gorch-Fock-Mole (vor 2021 Tirpitzmole)
Bis Januar 2011 zurückgelegte Seemeilen: 741.106
Bauweise: Stahlrumpf
Masthöhe im Vortopp: 45 m
Masthöhe Großtopp: 44,90 m
Masthöhe Besantopp: 39,80 m

Die 23 Segel des Segelschulschiffs gliedern sich wie folgt: zehn Rah-, sechs Stag-, vier Vorsegel, zwei Besane sowie ein Besantoppsegel, die jeweiligen Spierenlängen betragen an Fock- u. Großrah 24 m, der Bugspriet misst 18,8 m, davon 8,9 vor dem Bug, und der Besanbaum 16,4 m. Die Bramstengen der beiden vorderen Masten sind zum Fieren eingerichtet, um das Befahren des Nord-Ostsee-Kanals zu ermöglichen. Inzwischen erhielt das Schiff weitere „Garnituren“ mit leicht verändertem Schnitt, dadurch erhöhte sich die Gesamtfläche der Besegelung auf rund 2000 Quadratmeter.

Das Präfix SSS, das in der Literatur regelmäßig auftaucht, bedeutet Segelschulschiff.

Mehr über das Segelschulschiff Gorch Fock auf Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Gorch_Fock_(Schiff,_1958)

Mehr dazu bei marineforum 

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